Social Media: Routiniert verlogen

Ich bin nicht mehr auf Facebook. Das Grüppchengetue war mir von Anfang an zuwider. Das »Freunde«-Sammeln empfinde ich als peinlich. Die Bildchen-Herumreicherei als kindisch. Das ewige »Gefällt mir« geht mir nur auf den Keks. Nichts ist erwachsen und reif in Facebooks eindimensional-sektenhafter »Finde ich gut«-Welt. Ernst gemeint sind lediglich Facebooks unterirdische Server-Farmen, festungsmäßig bewacht: Technik, die dafür sorgt, dass nichts entweicht, aber alles eindringen und eingesogen wird. Für dauerhaften Verbleib: natürlich auch, wenn ein Konto »gelöscht« wird. Defacto kann es lediglich stillgelegt werden – mit all seinen Inhalten. Wer sich nach Monaten mit seinem alten Benutzernamen und Passwort noch einmal einloggt, reaktiviert alle Daten ruck-zuck und 1:1 aus dem laufenden Betrieb. Eine Bitte um langwierige Wiederherstellung irgendeines Backups ist überflüssig.

Johannes Gernert beschreibt Facebooks »vermeintlich freie Leinwandfläche« in einer ausführlichen Würdigung des Buches »Generation Facebook« von Leistert/Röhle (Hrsg.) treffend mit den Worten der britischen Schriftstellerin Zadie Smith (taz, 7./8. Januar 2012):

Es stehen eben nur ganz bestimmte Stifte und Dosen für die Wandbemalung zur Verfügung. Die Farben sind bevorzugt grell, »gespielt fröhlich, vorgetäuscht freundschaftlich, voller Eigenlob, routiniert verlogen«.

Ich bin, des weiteren, auch nicht mehr auf XING und LinkedIn. Auf XING hatte ich ein ausführliches Profil eingestellt, aber der Nutzeffekt war auch hier gleich Null. Stattdessen habe ich eine ganze Zeitlang meinen beruflichen Werdegang und meine Interessen für alle Welt an die Pinwand gehängt: ohne zu ahnen, wer diese Daten sieht, einsammelt und nutzt. Hätten wir vor 20 Jahren Lebenslauf und Bewerbungsbogen tausendfach vervielfältigt auf die Straße gelegt?

Ich weiß, was Social Media-Apologeten an dieser Stelle gerne vorbringen: »Von nichts kommt nichts.« Man müsse engagiert sein und selbst viel geben in  diesen neuen Zirkeln, wenn man in ihnen Aufmerksamkeit gewinnen und aus ihnen Feedback und Nutzen ziehen will. Das ist mir nicht neu. Aber ich sehe, dass auch in den Social Media selbst ein Umdenken eingesetzt hat: Ich hatte mich für den Ausstieg aus XING und LinkedIn längst entschieden, da stieß ich auf einen vielbeachteten Cluetrain-Post von Thilo Specht mit der interessanten Überschrift »Tschüss Social Media, es ist vorbei! The Passion Haz Gone«. Die für mich entscheidende Aussage:

»Erfolg hängt im Social Web heute ganz stark am Engagement Einzelner. Das skaliert aber nicht. Und wer es versucht, es zu skalieren, verbrennt sich …«

Das heißt: Wer nicht richtig ackert, bringt’s zu nix. Woher aber will man als Berufstätiger, Familienvater, Ehemann, vielfältig Interessierter auch noch die Zeit für Social Media-Engagement nehmen? Facebook-User in den USA verbringen inzwischen durchschnittlich 7 Stunden pro Monat in diesem Netzwerk. Hilft es ihnen wirklich?

Wer sich in den »Sozialen Diensten« tummelt, rechnet nicht. Zwar stößt er ein Tor auf zur Welt 2.0. Aber es gibt dort nicht nur keine Zeit 2.0 – es gibt dort gar keine Zeit. Stattdessen subventioniere ich mit der wertvollen Zeit, die mir Welt 1.0 zur Verfügung stellt, die virtuelle Welt 2.0. Ich verschenke Zeit an die Welt 2.0 – ohne Gegenleistung.

Am Ende bin ich nur ärmer: Ärmer an Zeit, ärmer an Freunden. Statt Gespräche und gemeinsame Spaziergänge, statt Besuche und gemeinsames Kochen und Essen, statt gemeinsamem Leben – nur Tastaturgeklapper und Touchscreen-Wischerei. Ich will nicht weiter mehr, als das heute unvermeidlich ist, von den Datenabrichtungsmaschinerien gemolken werden.

Und Google? Hier störte mich seit eh und je die miserable Gestaltung seiner Seiten. Eine Zeit lang habe ich einen Nutzen gesehen in Google Groups: wirklich duchgesetzt hat sich diese Version der Kollaboration aber kaum irgendwo. Und sonst? Weder benötige ich Google für Tabellen, noch für Texte. Allein schon deshalb, weil ich jeden, der auf sie zugreifen soll, ebenfalls zu einer Google-Mitgliedschaft zwingen muss. Bleiben die Bilder (Picasa): die ich aber lieber in eigenen Galerien im eigenen Blog präsentiere (wenn mal Zeit ist). Erleichtert verabschiedete ich mich also auch von dieser Baustelle. Weniger wird immer mehr.

GMX: Noch läuft mein gesamter Briefverkehr über diesen kostenlosen Maildienst – weil er über hervorragende Spam-Filter verfügt. Aber ich bin eigen. Wenn ein Unternehmen unter Beweis stellt, dass er pure Dummheit und Primitivität unterstützt, kehre ich ihm den Rücken. Man lese die entlarvende taz-Reportage von Gerhard Henschel aus den GMX-Büros! Als Inhaber eines Bezahlkontos hatte ich zwar Ruhe vor dererlei Zumutungen, den die bemitleidenswerte GMX-Redaktion tagein, tagaus ins Web zu stellen hat.  Aber ich bekäme auch nicht unmittelbar mit, wenn ein Möbel-Konzern Regenwälder abholzte: Und doch kaufte ich dort nicht ein. Außerdem mache ich um Regenbogenpresse und Bild-Zeitung keinen großen Bogen, um deren idiotisches Denken über die digitale Hinterür dann doch wieder zu unterstützen. Danke, Gerhard Henschel bei der taz! Und sorry für GMX-Betreiber-1&1.

 

06. November 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Gesellschaft, Internet, Recht, Social Media, Wirtschaft | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Die Gleichgültigkeit der Volksvertreter: Nanopartikel

Wir werden von Kriminellen regiert: Das ist das Fazit einer Zusammenfassung der horrenden Risiken der sog. Nanotechnologie, über die 3Sat jüngst berichtet hat (Video zum Nachschauen, 5:48 Min.). Nanotechnologie wurde bislang nicht ausreichend untersucht, findet sich aber inzwischen im Alltag überall. Verbaucher dienen als Versuchskaninchen: mit Billigung der Regierungen.

Nanopartikel durchdringen mühelos die Blut-Hirn-Schranke, die Mitochondiren, befallen die Erbsubstanz, schädigen das Erbgut, besetzen das zentrale Nervernsystem, schädigen Hirn und Plazenta – und sind in Zahnpasten, Cremes, Spielzeug, Sonnenschutzmitteln, Küchengeräten und Kleidung, ja sogar als »Nahrungsergänzungsmittel« allgegenwärtig. Und all das mit ausdrücklicher Billigung des Personals, dass sich in Berlin und anderswo »Regierung« nennt.

Statt ihrer Aufgabe zu folgen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden, den Bürger vor Gefahren zu schützen, setzen Figuren à la Daniel Bahr (der gegenwärtige Bundesgesundheitsminister) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (die gegenwärtige Bundesjustizministerin) die Bevölkerung wissentlich und gezielt Gefahren aus, die diese mangels Bildung, Interesse und Zeit gar nicht mehr im einzelnen selbst überblicken und kontrollieren kann und will.

Heißt: Diese Art des Regierens besitzt keinerlei Existenzberechtigung – und muss beseitigt werden.

Nachtrag (13. November 2011): SPIEGELonline berichtet heute über einen Forschungsbericht (Environmental Science and Technology), nach dem der von der Industrie und mit Billigung und Förderung der Regierungen erzeugte Nano-Müll in den Weltmeeren das Wachstum von Grünagen hemmt. Grünalgen aber stehen bekanntlich am Beginn der Nahrungskette der Meere.

06. November 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Allgemein, Gesundheit, Politik | Schlagwörter: , , , , | 1 Kommentar

Die Dummheit der Schuldenmacher

Politiker, die die Haushalte der Völker mit nicht einholbaren Schulden belasten, mögen kriminell sein oder korrupt: Sie sind vor allem grenzenlos dumm. Denn was gewinnt man mit Schuldaufnahme? Nichts außer Zeit.

Ich möchte Infrastruktur, Bildung, Forschung, Sozialsystem nicht dann, wenn die Mittel angespart sind: Ich will sie jetzt, sofort, bevor die Mittel vorhanden sind. Ich leihe mir Geld, und ich gewinne angeblich Zeit.

Doch dadurch bürde ich mir Kosten auf, für die ich erst recht kein Geld übrig habe: und die, würde ich warten und sparen, gar nicht anfielen: der Zins, der Zinseszins.

Also muss ich nun andere Projekte – aus Infrastruktur, Bildung, Forschung, Sozialsystem – zeitlich verzögern: weil die Mittel, die hierfür notwendig sind, von Zins- und Zinseszinszahlungen aufgefressen worden sind. Der Zeitvosprung verliert sich in der Zeitverzögerung. Ich habe mir Beschleunigung mit Verlangsamung erkauft.

Ich gewinne Zeit durch Zeitverlust. Und Geld verliere ich dazu. Denn spare ich erst und investiere ich dann, fallen die Zinsen weg, ja ich gewinne sogar welche, solange das Geldsystem auf Zins ausgelegt ist..

Wenn heute die 145 Millionen US-Erwerbstätigen damit beginnen, Monat für Monat dem Staat 100 Dollar zu schenken, werden die USA in 100 Jahren schuldenfrei sein. Sie sind mit 15 Billionen Dollar verschuldet. Das sind 15.000 Millarden.

24. Oktober 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Allgemein, Bewusstsein, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft | 1 Kommentar

108mal Hunger, Durst und Macht

Es ist ein Experiment: Ich habe auf Amazon einen ersten sogenannten »Wunschzettel« eingerichtet, der im Augenblick 108 mir wichtig erscheinende Buch- und DVD-Titel zum Thema Agroindustrie, Nahrungsmittelbranche, Hunger, Wasserverknappung und Globalisierung zusammenträgt.

Zwei Gedanken und ein Wunsch stellten sich bei dieser Sammelarbeit ein. Die beiden Gedanken:

  • Es ist erstaunlich, mit welchem Detailreichtum sich die weltweite, gewollte Verknappung von Lebensmitteln und Wasser schon niedergeschlagen hat in der Literatur. Das wird, neben der Atomfrage, der große Streitpunkt werden in der öffentlichen Auseinandersetzung.
  • Es wäre wünschenswert, aus diesem bunten Mosaik eine Synopsis zu erstellen, eine Gesamtschau, die einen Summenstrich unter all die in diesen Werken zusammengetragenen Erkenntnisse zieht und die sich daraus ergebenden Forderungen an die Praxis auflistet und publiziert.

Ein Meta-Buch: das, gestützt auf dieses umfangreiche Material, klare Maßgaben für den einzelnen wie für die Politik formuliert, wie dem weltweit wachsenden Hungerproblem beizukommen ist. Denn wenn eine Milliarde Menschen unter Hunger leidet Edit: und eine weitere Milliarde akut unterernährt ist wie derzeit der Fall, wenn ein ganzes zwei Siebtel der Erdbevölkerung nicht genügend zu essen und zu trinken haben, dann ist das keine quantité négligeable, sondern angesichts des ungeheuren Reichtums auf dieser Welt ein skandalöser, obszöner, krimineller Akt, der unter gar keinen Umständen länger geduldet werden darf.

Daraus folgte ein Wunsch: selbst dieses Buch schreiben zu können und also einen Sponsor zu finden, der diese Arbeit mittragen will.

Ich mache mir keine Illusionen über die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht: Auch wenn mein Offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel in Sachen Atomenergie laut posterous-Statistik annähernd 4.000mal angeklickt worden ist (momentan nutze ich posterous nicht und veröffentliche alle Offenen Briefe hier), wird die Zahl der Besucher dieses Blogs hier vermutlich nicht so groß sein.

 

22. April 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Allgemein, Gesellschaft, Wirtschaft | 2 Kommentare

Car-Sharing Freiburg wirbt für Biokraftstoff

Seit sieben Jahren bin ich, gemeinsam mit meiner Frau, überzeugter Nutzer des Car-Sharing-Konzepts: Statt ein eigenes Fahrzeug zu unterhalten (das aus statistischer Sicht eher Stehzeug genannt werden muss), greifen wir via Monatsbeitrag und km- und Stundenpauschale auf über 100 Fahrzeuge zurück, die im Freiburger Stadtgebiet via Internet in Minutenschnelle gebucht werden können.

Gewaltiger Umweltvorteil: Für die 80 Familien, die sich durchschnittlich ein Fahrzeug teilen, muss nur ein einziges Fahrzeug produziert, gewartet, verschrottet werden. Und da man, ähnlich wie bei einem Taxi, jede Fahrt zu bezahlen hat – und bei jeder Fahrt, die man nicht unternimmt, bares Geld spart –, ist Car-Sharing auch aus Sicht des Kraftstoffverbrauchs ein massiver Beitrag zum Umweltschutz. Meist benutzt man dann doch das Rad, die eigenen Füße oder aber ein öffentliches Verkehrsmittel.

Allerdings: Wo Licht, da auch Schatten. Wir erhielten heute folgende Mail unseres Car-Sharing-Vereins (Car-Sharing in Freiburg und Südbaden):

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe CarSharer,

die Debatte und die Verunsicherung der Verbraucher in Sachen »Bio«-Kraftstoff E10 ist auch nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Der Anteil der Kraftstoffkosten an unseren Gesamtausgaben war noch nie so hoch wie im vergangenen März. Dies lässt sich in auf den hohen Anteil von Betankungen mit Super (95 Oktan) und Super Plus (98 Oktan) zurückführen. Diese Kraftstoffe sind im Zuge der E10-Einführung massiv teurer geworden.

Vom zweifelhaften Umweltnutzen einmal abgesehen, ist E10 der zur Zeit günstigste Treibstoff. Nahezu alle unsere Benziner-Autos vertragen E10 und müssen! auch damit betankt werden. Eine Ausnahme stellen die Daihatsu Cuore dar. Hier vertragen nur die wenigsten E10.

Damit Sie beim Tanken gleich zum richtigen Treibstoff greifen, haben wir inzwischen die Tankdeckel fast aller Fahrzeuge gekennzeichnet und zudem eine Liste mit den zugelassenen und nicht zugelassenen Kraftstoffsorten auf die Autoordner geklebt. Nähere Informationen unter https://www.car-sharing- freiburg.de/goto/faq#fahren4

Wir möchten an dieser Stelle auf unsere Sonderentgelte hinweisen, die eine Betankung mit sogenannten ?Premium-Kraftstoffen? und Super Plus ausdrücklich für unerwünscht erklären. Ab Mai werden wir verstärkt Tankrechnungen kontrollieren und, entsprechend der Sonderentgelte, eine Nachbelastung in Höhe von 30ct je Liter vornehmen, falls Kunden unsere Fahrzeuge unnötigerweise mit diesen Kraftstoffen betanken.

Wir hoffen, dass diese Information und die weiteren Maßnahmen greifen, um unsere Kraftstoffkosten im Griff zu halten. Unter den jetzigen Umständen und bei einem weiteren Anstieg der Kraftstoffpreise müßten wir die Kilometerkosten für die Fahrzeugnutzung schon in Kürze um bis zu 2ct je Kilometer heraufsetzen. Helfen Sie bitte mit, das zu vermeiden!

Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien frohe Ostertage!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Car-Sharing Team
Car-Sharing Südbaden – Freiburg e. V.

Ein Brief, der uns umgehauen hat. Denn Fakt ist: Biokraftstoffe tragen eine Hauptverantwortung dafür, dass seit einigen Jahren die Preise für Lebensmittel weltweit explodieren und Hunger zu einem immer größeren Problem zu werden beginnt. Siehe zum Beispiel, ganz aktuell, das heutige Deutschlandfunk-Interview mit dem renommierten Agrokritiker Wilfried Bommert.

Ich habe dem Verein Car-Sharing in einem Offenen Brief geantwortet, dessen Wortlaut ich auch dem Bundesverband CarSharing zur Kenntnis gegeben habe.

22. April 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Energie, Wirtschaft | Schlagwörter: , , , | Schreibe einen Kommentar

Offener Brief an Car-Sharing Südbaden e.V.

Car-Sharing Südbaden – Freiburg e. V.
Wentzingerstraße 15
D-79106 Freiburg im Breisgau
Tel. +49.(0)761.23020
Fax +49.(0)761.2022801
info@car-sharing-freiburg.de
Internet: www.car-sharing-freiburg.de

Cc:
Bundesverband CarSharing e.V. (bcs)
Kurfürstendamm 52
10707 Berlin
Telefon: 030 – 92 12 33 53
Telefax: 030 – 22 32 07 04
E-Mail: info@carsharing.de
Internet:www.carsharing.de

Guten Tag.

Wir erhielten von Ihnen heute eine Mail, in der Sie Ihre Mitglieder vehement auffordern, bei jeder sich bietenden Gelegenheit unbedingt Biokraftstoff zu tanken: Andernfalls seien Sie gezwungen, Betankungen mit 30 Euro-Cent pro Liter nachzuberechnen.

Mit dieser Ihrer Mail, so sie denn Ihr letztes Wort wiedergäbe (was unvorstellbar ist; Sie werden korrigieren müssen), würden Sie sich in den illustren Kreis von Mördern einreihen. Denn Fakt ist: Biokraftstoff treibt, wie jeder wissen kann, auf den internationalen Warenterminbörsen die Preise von Nahrungsmitteln massiv in die Höhe – und sorgt dadurch für einen rapiden Anstieg des Hungers in aller Welt.

Siehe u.a. das heutige Interview mit dem renommierten Agrokritiker Wilfried Bommert, auf das ich in folgender Twitter-Meldung hingewiesen habe:

Als Verein, der sich der Nachhaltigkeit und der Umwelt verpflichtet fühlt, sind Sie ohne Wenn und Aber gezwungen, sich eine andere Strategie einfallen zu lassen. Es muss genau andersherum laufen:

  • Sie müssen, gemeinsam mit dem Bundesverband Car-Sharing, ihre Mitglieder intensiv über den Wahnsinn der Biokraftstoffe aufklären,
  • Sie müssen ihren Mitgliedern *verbieten*, solche Kraftstoffe zu tanken, und
  • Sie müssen Mitglieder, die dem zuwiderhandeln, mit Ausschluss drohen.

Einsparungen von lächerlichen 30 Cent pro Liter entsprechen bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 7 Litern pro 100 km gerade einmal 2 Euro-Cent pro Kilometer: ein Aufpreis, der in absolut keinem Verhältnis steht zu dem gewaltigen Schaden, den Biokraftstoffe schon heute weltweit anrichten. Und noch anrichten werden, wenn Intelligenz und Moral nicht endlich entschieden gegensteuern. Eine typische Stadtfahrt von 40 km verteuerte sich bei Nutzung herkömlicher Kraftstoffe um den Preis einer Kugel Eis; eine Fahrt von Freiburg nach Hamburg und zurück (1.600 km) um den Preis zweier Kinokarten mit Getränk.

Ich fordere Sie zu einer sofortigen Kurskorrektur auf.

Mit freundlichem Gruß

Jochen F. Uebel  ·  Rieselfeldallee 30  ·  D-79111 Freiburg

22. April 2011 von Jochen F. Uebel
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Hauptsache anders

Ich freue mich, wenn einer ökonomisch, ökologisch und moralisch destruktiven Atomindustrie ein Stoppschild gezeigt wird. Ich freue mich, wenn Lobby-Projekte à la »Stuttgart 21« ins Schlingern geraten. Aber ich huldige keiner Partei.

Die laufende Energiedebatte gibt mir wieder Gründe genug. Alle sind sich einig: Der Ausstieg aus der Kernenergie soll schnellstmöglich, unumkehrbar, bezahlbar und umweltverträglich sein. Jede Partei bringt mindestens ein Ausstiegsszenario mit. Diverse Denkfabriken, Verbände und Vereine liefern weitere Modelle en gros. Wer guten Willens ist, kann aus dem Vollen schöpfen und aus den vielen zirkulierenden Austiegsszenarien ein perfektes Idealmodell stricken, das jedem nützt.

Dies könnte die Stunde der konstruktiven Zusammenarbeit sein. Alle Szenarios würden sachlich verglichen, aus jedem zöge man die besten Bestandteile, unabhängige Fachleute ließe man das entstehende Wunschmodell gegenprüfen – und dann go!

Parteien hingegen arbeiten selbst dann noch destruktiv, wenn sie sich fast schon einig sind. Statt die Chance einer gemeinsamen Zielvorgabe beim Schopfe zu greifen, bekämpfen sie sich. So kommt es zu der paradoxen Situation, dass zwar alle etwas Ähnliches wollen, man sich aber gerade deshalb nur wieder schwächen will: Hauptsache, das eigene Modell siegt. Wehe, wenn du mir meine Burg kaputtmachst.

Gerade weil, selten genug, alle das Richtige wollen, bekommen alle Profilierungsprobleme. Wem gehört nun der Atomausstieg? Die SPD, so lese ich heute im Leitartikel der FAZ, verliert an die Grünen, wenn sie auf ihren Plakaten für »Atomkraft, nein danke« wirbt: auch wenn sie dies aus tiefer Überzeugung vorträgt. Vermutlich verlöre die CDU an die SPD, machte sie die selbstverständliche Preiswürdigkeit des neuen Energiemixes auch zu ihrem Thema. Jede Partei will auf Teufel komm raus anders wirken. Auch dort, wo sie nicht oder nur geringfügig anders ist.

Das Nachsehen hat die Sache, um die es geht. Argumente dienen nicht mehr dazu, Probleme zu lösen – man trägt sie vor, um den anderen daran zu hindern, dass er die Probleme löst.

Warum kann man nicht wenigstens dann, wenn Sachzwang und Demoskopie die Marschroute sowieso schon vorgeben, die Parteizugehörigkeit einmal gänzlich vergessen und einfach nur gemeinsam arbeiten? Zum Wohle der Bürger? Die man ja angeblich vertritt.

18. April 2011 von Jochen F. Uebel
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Es ist amtlich: Intelligenz wählt grün

Im Süden der Republik, wir haben es vorige Woche gesehen, wählte fast ein Viertel der Wähler grün: 24,2 Prozent. Am meisten trugen die Universitätsstädte zu diesem Ergebnis bei: allen voran Freiburg mit 39,9%, Konstanz mit 36,4%, Stuttgart mit 34,5%, Tübingen mit 32,1%, Karlsruhe mit 30,3%.

Aber wer in den diesen Städten wählt Grün? Das Amtsblatt der Stadt Freiburg zu den Freiburg-Ergebnissen: »Grünwähler zeichnen sich durch vergleichsweise hohes Bildungsniveau aus: 32 Prozent verfügen über Fachhochschulabschluss oder Abitur, 51 Prozent über Hochschulabschluss.« Die Süddeutsche Zeitung bestätigt für ganz Baden-Württemberg: »Laut Wahlforschern wurden sie von gerade mal 13 Prozent aller Wähler mit Hauptschul-Abschluss gewählt; 36 Prozent aller Hochschul-Absolventen entschieden sich für Kretschmanns Partei.« Was ich übrigens nicht erwartet habe: Die CDU zeigt sich zu diesen Ergebnissen exakt spiegelbildlich, jedenfalls in Freiburg. Im Vergleich zu anderen Parteien zeichnet sich die Wählerklientel »durch eher niedrige Bildungsabschlüsse aus (Hauptschule 17%, mittlere Reife oder Realschulabschluss 25%)« (Amtsblatt Freiburg).

Das Wahlergebnis ist Hinweis auf einen Bildungsbruch: Auf der einen Seite die Menschen, die eher in herkömmlichen, überkommenen Denk- und Vorstellungsmustern verharren, weil sie nie gelernt haben, zukunftsbezogen, gesamtgesellschaftlich oder gar global zu denken. Auf der anderen Seite Menschen, die gebildet und informiert genug sind, um das »große Ganze« im Blick zu behalten: die Bedürfnisse nachfolgender Generationen zu verstehen und globaler zu denken. Die Friedrich Naumann Stiftung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Den größten Zuwachs verzeichneten die Grünen unter den Hochgebildeten, in Baden-Württemberg wie in Rheinland-Pfalz.

Natürich ist der Zuwachs, den die Grünen verzeichnen konnten, auch Ausdruck von Zorn und Besorgnis (Stuttgart 21, Atomindustrie). Ist auch Hinweis auf das natürliche Verschwinden einer ganzen Generation (nur noch bei den 60- bis 69-Jährigen lagen in Freiburg die CDU-Werte bei 30 Prozent.). »Aus der Volkspartei CDU scheint eine Rentnerpartei zu werden« (Süddeutsche Zeitung in ihrer Wahlanalyse vom 26. März 2011). Bestätigt wird diese Vermutung auch von der wachsenden Abkehr von den Volkskirchen, die in den Wahlen zum Ausdruck kam: Den größten Zuwachs erhielten die Grünen von denen, die gar keiner der Volkskirchen angehören. Hingegen sind 60 Prozent der CDU-Wähler Katholiken.

Der deutlichste Unterschied aber zeigt sich in den Unterschieden des Bildungsniveaus. Verkürzt gesagt: Die Landtagswahl in Baden-Württemberg und rheinland-Pfalz liefert einen Hinweis auf eine tektonische Verschiebung im Bewusstsein der Gesellschaft, mindestens so sehr wie auf einen Bruch der Generationen. Die Menschen sind in den letzten vier Jahren nicht klüger geworden, nicht gebildeter, nicht intelligenter: Aber die Bildungsschicht, die Klugen, die Intelligenten sind einmal mehr die ersten, die diesen Bewusstseinssprung spüren, wahrnehmen und ihm Ausdruck verleihen wollen und können.

Also spielt sich hier sehr viel mehr ab als ein eventuell nur vorübergehender Wechsel politischer Stimmungslagen. Ich behaupte: Hier wird ein Großtrend sichtbar, der sich jahrzehntelang aufgebaut hat – und nun mit Macht sich durchzusetzen beginnt. Zuerst ignoriert (die frühen Mahner Anders, Picht, Jungk, Club of Rome), dann verlacht (die frühen Jahre im Bundestag), dann bekämpft (der Rollback der CDU/FDP-Koalition), dann schließlich, jetzt, der sich abzeichnende Sieg: Das ist nicht das Muster üblichen Parteien-Auf-und-Abs, sondern das Muster großer gesellschaftlicher Trends. »Zeitenwende in Stuttgart«, titelte denn auch die Forschungsgruppe Wahlen.

Ein Trend, den die Grünen hinreichend bedienen. CDU/CSU und FDP hingegen scheinen kaum eine Chance zu haben, noch einmal gesellschaftliches Oberwasser zu bekommen: Es sei denn, sie erfänden sich komplett neu. Viel zu sehr sind ihre originären Bewusstseinsstrukturen Ausdruck einer im Sterben begriffenen Zeit. Die zaghafte Neuausrichtung, wie sie die FDP versucht, wird folgenlos bleiben.

Die SPD hingegen wird diesen Umbrucherst einmal überstehen – wenn auch nur als Juniorpartner. Denn just zu der Zeit, als der Aufbruch, den wir jetzt erleben, erste Symptome zeigte – Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre –, verfügte die Partei über einen Mann, der wenigstens in Teilen diesem Bewusstseinsaufbruch einen ersten Ausdruck verlieh: Willy Brandt (»Mehr Demokratie wagen«, Ostverträge), vierter Kanzler der Bundesrepublik (1969-1974) und Träger des Friedensnobelpreises (1971). Von der visionären Ausstrahlung dieses Mannes zehrte die SPD Jahrzehnte, während andere Parteien mit einer solchen Persönlichkeit nicht noch einmal aufwarten konnten. Schmidt, selbst SPD, war der solide Verwalter (»Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen«), Kohl war der Abarbeiter einer vergangenheitsbezogenen Nachkriegsaufgabe (deutsche Einheit, Festigung Europas), und Schröder und Merkel erscheinen ähnlich blass und konturenlos wie Kiesinger, an den man sich eigentlich gar nicht mehr erinnern will.

Den Grünen mag die eine zentrale Galionsfigur fehlen: Dafür aber verfügen sie über etwas, was den anderen Parteien momentan fehlt: eine nachvollziehbare Vision. Jeder noch so Politikverdrossene kann sie aus dem Stegreif in einem Satz umreißen: Lasst uns eine Welt schaffen, die mit der Natur in Frieden lebt. Wenigstens schon mal mit der Natur.

Wenn es den Grünen gelingt, auf diesem Fundament das Gerüst einer Gesellschaftsordnung zu bauen, in der sich der Einzelne sicher fühlen kann, ohne gegängelt zu werden und in der es sich ohne ständige Sorge um Arbeitsplatz und Altersvorsorge gut leben lässt, dann kann dieser Partei gelingen, was nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwanzig Jahre lang einer anderen Partei ganz mühelos gelang: die eine, große, dominante Volkspartei zu sein.

Interessanterweise ist das die Zeitspanne, die es brauchen wird, um den Umbau zu einer naturgerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu bewerkstelligen: Etwa zehn Jahre wird es dauern, bis der Unsinn großindustrieller Energieerzeugung beendet und die Entwicklung in dezentralisierte, regionalisierte Bahnen umgelenkt sein wird. Und sicher weitere zehn Jahre wird es dauern, bis das Bild einer nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaftsordnung Kontur bekommen hat.

Spätestens dann allerdings wird eine neue, weitere Aufgabe auf die Gesellschaft zukommen: einvernehmlich zu einem neuen Lebensziel zu finden, auf das Menschen, Familien, Städte und Regionen sich hinbewegen können. Denn auch eine »natürliche«, nachhaltig wirtschaftende Lebensweise bleibt hohl, wenn sie kein Ziel hat, auf das sie sich in all ihrer Natürlichkeit denn zubewegen soll. Vielleicht statt materiellem Wachstum Bewusstseinsevolution? Vor dem Hintergrund all unserer selbstverantworteten Schwierigkeiten scheint das langfristig der größte Engpass zu sein.

09. April 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Bewusstsein, Gesellschaft, Politik | Schlagwörter: , , , , , , | 1 Kommentar

Das Nashorn, das man lesen soll

Vor wenigen Tagen legte Hans Magnus Enzensberger in der Edition Suhrkamp ein kleines Büchlein vor, das weder Erzählung ist noch Roman oder Dokumentation, sondern eine Streitschrift, ein Essay: »Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas«.

Der Gewinn, den ich aus der Lektüre dieses Büchleins gezogen habe (man liest es in neunzig konzentrierten Minuten durch), ist die erneute Bestätigung der These, dass elephantöse, menschengemachte Kunstsysteme zum Scheitern verurteilt sind – weil sie ihren Bezug verlieren zur Lebenswirklichkeit vor Ort, weil kein Mensch sie überblickt, weil sie sich gegen die Menschen stellen statt ihnen zu dienen. Sie beginnen mit krebsartiger Wucherung, verselbständigen sich, verlieren den Kontakt zu dem, wozu sie ursprünglich erdacht worden waren – und schränken Freiheit ein.

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07. April 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Politik, Recht, Wirtschaft | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Das Gift der Verlogenheit

Dieses Weblog wird nicht monothematisch bleiben, auch wenn seine bisherigen Texte das vermuten lassen. Geplant war, das Blog mit ganz anderen Themen – und zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt – aufzumachen.

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03. April 2011 von Jochen F. Uebel
Kategorien: Energie, Politik, Wirtschaft | Schlagwörter: , , , , | 3 Kommentare

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