Social Media: Routiniert verlogen
Ich bin nicht mehr auf Facebook. Das Grüppchengetue war mir von Anfang an zuwider. Das »Freunde«-Sammeln empfinde ich als peinlich. Die Bildchen-Herumreicherei als kindisch. Das ewige »Gefällt mir« geht mir nur auf den Keks. Nichts ist erwachsen und reif in Facebooks eindimensional-sektenhafter »Finde ich gut«-Welt. Ernst gemeint sind lediglich Facebooks unterirdische Server-Farmen, festungsmäßig bewacht: Technik, die dafür sorgt, dass nichts entweicht, aber alles eindringen und eingesogen wird. Für dauerhaften Verbleib: natürlich auch, wenn ein Konto »gelöscht« wird. Defacto kann es lediglich stillgelegt werden – mit all seinen Inhalten. Wer sich nach Monaten mit seinem alten Benutzernamen und Passwort noch einmal einloggt, reaktiviert alle Daten ruck-zuck und 1:1 aus dem laufenden Betrieb. Eine Bitte um langwierige Wiederherstellung irgendeines Backups ist überflüssig.
Johannes Gernert beschreibt Facebooks »vermeintlich freie Leinwandfläche« in einer ausführlichen Würdigung des Buches »Generation Facebook« von Leistert/Röhle (Hrsg.) treffend mit den Worten der britischen Schriftstellerin Zadie Smith (taz, 7./8. Januar 2012):
Es stehen eben nur ganz bestimmte Stifte und Dosen für die Wandbemalung zur Verfügung. Die Farben sind bevorzugt grell, »gespielt fröhlich, vorgetäuscht freundschaftlich, voller Eigenlob, routiniert verlogen«.
Ich bin, des weiteren, auch nicht mehr auf XING und LinkedIn. Auf XING hatte ich ein ausführliches Profil eingestellt, aber der Nutzeffekt war auch hier gleich Null. Stattdessen habe ich eine ganze Zeitlang meinen beruflichen Werdegang und meine Interessen für alle Welt an die Pinwand gehängt: ohne zu ahnen, wer diese Daten sieht, einsammelt und nutzt. Hätten wir vor 20 Jahren Lebenslauf und Bewerbungsbogen tausendfach vervielfältigt auf die Straße gelegt?
Ich weiß, was Social Media-Apologeten an dieser Stelle gerne vorbringen: »Von nichts kommt nichts.« Man müsse engagiert sein und selbst viel geben in diesen neuen Zirkeln, wenn man in ihnen Aufmerksamkeit gewinnen und aus ihnen Feedback und Nutzen ziehen will. Das ist mir nicht neu. Aber ich sehe, dass auch in den Social Media selbst ein Umdenken eingesetzt hat: Ich hatte mich für den Ausstieg aus XING und LinkedIn längst entschieden, da stieß ich auf einen vielbeachteten Cluetrain-Post von Thilo Specht mit der interessanten Überschrift »Tschüss Social Media, es ist vorbei! The Passion Haz Gone«. Die für mich entscheidende Aussage:
»Erfolg hängt im Social Web heute ganz stark am Engagement Einzelner. Das skaliert aber nicht. Und wer es versucht, es zu skalieren, verbrennt sich …«
Das heißt: Wer nicht richtig ackert, bringt’s zu nix. Woher aber will man als Berufstätiger, Familienvater, Ehemann, vielfältig Interessierter auch noch die Zeit für Social Media-Engagement nehmen? Facebook-User in den USA verbringen inzwischen durchschnittlich 7 Stunden pro Monat in diesem Netzwerk. Hilft es ihnen wirklich?
Wer sich in den »Sozialen Diensten« tummelt, rechnet nicht. Zwar stößt er ein Tor auf zur Welt 2.0. Aber es gibt dort nicht nur keine Zeit 2.0 – es gibt dort gar keine Zeit. Stattdessen subventioniere ich mit der wertvollen Zeit, die mir Welt 1.0 zur Verfügung stellt, die virtuelle Welt 2.0. Ich verschenke Zeit an die Welt 2.0 – ohne Gegenleistung.
Am Ende bin ich nur ärmer: Ärmer an Zeit, ärmer an Freunden. Statt Gespräche und gemeinsame Spaziergänge, statt Besuche und gemeinsames Kochen und Essen, statt gemeinsamem Leben – nur Tastaturgeklapper und Touchscreen-Wischerei. Ich will nicht weiter mehr, als das heute unvermeidlich ist, von den Datenabrichtungsmaschinerien gemolken werden.
Und Google? Hier störte mich seit eh und je die miserable Gestaltung seiner Seiten. Eine Zeit lang habe ich einen Nutzen gesehen in Google Groups: wirklich duchgesetzt hat sich diese Version der Kollaboration aber kaum irgendwo. Und sonst? Weder benötige ich Google für Tabellen, noch für Texte. Allein schon deshalb, weil ich jeden, der auf sie zugreifen soll, ebenfalls zu einer Google-Mitgliedschaft zwingen muss. Bleiben die Bilder (Picasa): die ich aber lieber in eigenen Galerien im eigenen Blog präsentiere (wenn mal Zeit ist). Erleichtert verabschiedete ich mich also auch von dieser Baustelle. Weniger wird immer mehr.
GMX: Noch läuft mein gesamter Briefverkehr über diesen kostenlosen Maildienst – weil er über hervorragende Spam-Filter verfügt. Aber ich bin eigen. Wenn ein Unternehmen unter Beweis stellt, dass er pure Dummheit und Primitivität unterstützt, kehre ich ihm den Rücken. Man lese die entlarvende taz-Reportage von Gerhard Henschel aus den GMX-Büros! Als Inhaber eines Bezahlkontos hatte ich zwar Ruhe vor dererlei Zumutungen, den die bemitleidenswerte GMX-Redaktion tagein, tagaus ins Web zu stellen hat. Aber ich bekäme auch nicht unmittelbar mit, wenn ein Möbel-Konzern Regenwälder abholzte: Und doch kaufte ich dort nicht ein. Außerdem mache ich um Regenbogenpresse und Bild-Zeitung keinen großen Bogen, um deren idiotisches Denken über die digitale Hinterür dann doch wieder zu unterstützen. Danke, Gerhard Henschel bei der taz! Und sorry für GMX-Betreiber-1&1.
